Das Wasserschloss Europas im Wandel. Eine Zeitungsartikelanalyse zur Verwendung der Metapher im Kontext der Klimaerwärmung
(2) University of Aberdeen, Department of Geography & Environment, Elphinstone Road, AB24 3UF Aberdeen, Scotland
(3) Universität Freiburg, Departement für Geowissenschaften, Ch. du Musée 4, 1700 Fribourg, Schweiz
(4) Universität Bern, Historisches Institut & Oeschger Centre for Climate Change Research, Länggassstrasse 49, 3012 Bern, Schweiz
(5) Universität Bern, Geographisches Institut, Hallerstrasse 12, 3012 Bern, Schweiz
Abstract
Die Schweiz wird oft als „Wasserschloss Europas“ bezeichnet – eine etablierte Metapher, die einen gesicherten Wasserreichtum suggeriert. In wissenschaftlichen Publikationen werden Gebirgsregionen oft als «Water Towers» beschrieben, da sie aufgrund höherer Niederschläge und Gletscherbeiträge im Verhältnis zur Fläche überproportional viel Wasser zu den tiefer gelegenen Flusssystemen liefern. Die Verwendung des Begriffs „Wasserschloss“ ist dabei etwas überraschend, denn in der deutschen Sprache hat er eher eine technische Bedeutung, etwa ein von Wasser umgebenes Schloss oder ein Druckausgleichsbauwerk in einem Wasserkraftwerk. Während der Begriff „Wasserschloss“ in Österreich rein technisch verwendet wird, hat er sich insbesondere in der Deutschschweiz zu einer etablierten, identitätsstiftenden Metapher entwickelt. Für die Beschreibung einer wasserreichen Region wäre der Begriff „Wasserturm“ aber präziser.
Basierend auf Schweizer Zeitungsartikeln der letzten 100 Jahre haben wir untersucht, in welchen wasserwirtschaftlichen Kontexten die Metapher „Wasserschloss Europas“ verwendet wurde und wie sich das zugrunde liegende Narrativ im Laufe der Zeit verändert hat. Dabei diente die Metapher einerseits als Symbol für den Wasserreichtum des Landes, andererseits unterstrich sie die Rolle der Schweiz im Umweltschutz und ihre Verantwortung gegenüber den Unterliegern; zudem wurde sie für die touristische Vermarktung der Naturlandschaft genutzt. Lange Zeit galt der Wasserreichtum in der Schweiz als selbstverständlich. Der Hitzesommer 2003 markierte den Auftakt einer Serie wiederkehrender Trockenperioden. In der Folge häuften sich ab den 2010er-Jahren Zeitungsartikel mit Bezügen zum Klimawandel und zur Trockenheit. In Zukunft wird erwartet, dass Trockenperioden häufiger und intensiver werden. Gleichzeitig steigt aufgrund divergierender Interessen in der Wasserwirtschaft der Nutzungsdruck auf die Ressource Wasser, insbesondere im Sommer. Angesichts der rasanten Klimaerwärmung und des steigenden Nutzungsdrucks auf die Ressource Wasser sowie die aquatischen Lebensräume erscheint die Verwendung dieser beschaulichen Metapher heute überholt – wenn nicht gar irreführend. Denn die Verantwortung umfasst weit mehr als den sorgsamen Umgang mit dem Wasservorkommen und dessen gerechte Verteilung; sie schliesst auch den Schutz und den Erhalt der Gewässerräume mit ein – unabhängig von deren Nutzung.
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